Ein kaputtes Dachfenster, eine undichte Stelle, ein verstopfter Fallrohr - viele Hausbesitzer greifen selbst zum Werkzeug, um das Dach zu reparieren. Aber wie sicher ist das wirklich? Jedes Jahr passieren in Österreich und Deutschland Hunderte Unfälle auf Dächern, die durch fehlende oder falsche Dachdurchsturzsicherung verursacht werden. Und oft sind es genau die kleinen, scheinbar harmlosen Arbeiten, die zum größten Risiko werden. Denn wer glaubt, dass Arbeitsschutz nur für Handwerker gilt, irrt sich. Selbst wenn Sie als Privatperson Ihr eigenes Dach reparieren, gelten strenge Regeln. Und wer sie ignoriert, setzt nicht nur sich, sondern auch andere in Gefahr.
Warum Dachdurchsturzsicherung kein Option, sondern Pflicht ist
Viele denken: Ich bin kein Gewerbetreibender, ich mache das nur für mich - da gilt das Arbeitsschutzgesetz nicht. Doch das stimmt nicht. Laut dem deutschen Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) ist jede Stätte, an der Arbeit ausgeführt wird, eine Arbeitsstätte. Das gilt auch für Ihr eigenes Haus, wenn Sie selbst Hand anlegen. Und wenn Sie Nachbarn, Kinder oder Freunde bitten, Ihnen zu helfen, dann wird es sogar noch ernster: Dann sind alle Beteiligten rechtlich als Beschäftigte zu betrachten. Die gesetzlichen Grundlagen sind klar: Die Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) und die Technische Regel ASR A2.1 schreiben vor, dass Absturzstellen sicher abgesichert werden müssen - egal ob Sie ein Profi sind oder nicht.Was ist eine Dachdurchsturzsicherung? Einfach gesagt: Jede Maßnahme, die verhindert, dass jemand durch eine nicht tragfähige Fläche stürzt. Das sind vor allem Lichtkuppeln, Lichtbänder, aber auch alte, morsche Dachplatten oder lose Dachziegel. Diese Bauteile sehen aus wie fester Dachbelag - aber sie halten nicht das Gewicht eines Menschen. Ein 80-Kilo-Mann, der darauf tritt, bricht durch. Und das passiert schneller, als man denkt. Ein Bericht des Deutschen Handwerks zeigt: In 25 % der Fälle, in denen Hausbesitzer Bretter oder Holzplatten über Lichtkuppeln legten, kam es zu Durchstürzen. Glück hatte, wer nur Prellungen davontrug.
Was die Gesetze genau verlangen
Die ASR A2.1 legt genaue Grenzen fest. Wenn Sie auf einem Dach arbeiten, das mehr als 2 Meter hoch ist, müssen Sie es so sichern, dass ein Absturz unmöglich ist. Das gilt für alle Bereiche, die näher als 2 Meter an einer Absturzkante oder einer nicht durchsturzsicheren Fläche liegen. Das bedeutet: Wenn Ihre Lichtkuppel nur 1,5 Meter vom Dachrand entfernt ist, müssen Sie sie absichern - auch wenn Sie nur kurz etwas reparieren.Für Dächer mit einer Neigung bis zu 22,5° und einer Fläche von nicht mehr als 50 Quadratmetern gibt es eine Ausnahme: Wenn die Arbeiten von einer einzigen, fachlich geschulten Person durchgeführt werden, die die Absturzkante deutlich erkennen kann, sind technische Sicherungen nicht zwingend nötig. Aber das ist die Ausnahme - nicht die Regel. Und selbst dann: Sie brauchen immer noch eine Unterweisung, eine Gefährdungsbeurteilung und eine sichere Leiter.
Professionelle Systeme wie das HDS-Schutzsystem von Kingspan sind dafür ausgelegt, Lichtkuppeln dauerhaft abzudecken. Sie sind stabil, langlebig und werden jährlich geprüft. Bei Eigenleistungen wird oft improvisiert: Bretter, Holzplatten, Gitter, sogar alte Matten. Aber das reicht nicht. Diese Lösungen halten nicht, wenn es darauf ankommt. Und sie erfüllen keine Norm. Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) warnt: Wer auf solchen Lösungen steht, riskiert nicht nur seinen Körper - er riskiert auch rechtliche Konsequenzen, wenn jemand verletzt wird.
Was Sie bei Eigenleistungen wirklich brauchen
Wenn Sie Ihr Dach selbst sichern wollen, dann nicht mit Kompromissen. Hier ist, was wirklich zählt:- Gefährdungsbeurteilung: Machen Sie sich klar, wo es gefährlich ist. Markieren Sie alle Lichtkuppeln, Dachfenster, lose Platten. Notieren Sie, wie hoch das Dach ist, wie steil es ist, wo die Absturzkante liegt.
- Arbeitsanweisung: Schreiben Sie auf, was Sie tun werden - und was nicht. Wer macht was? Wo steht die Leiter? Wer hat die Werkzeuge? Wer ist im Notfall ansprechbar?
- Unterweisung: Auch wenn es nur Ihr Ehemann oder Ihre Tochter ist, die Ihnen hilft: Sie müssen wissen, was gefährlich ist. Keine Halbwissen, keine "Ich hab’s doch schon oft gemacht"-Haltung.
- Sichere Aufstiegshilfe: Keine normale Leiter. Nutzen Sie Steigleitern mit Rückenschutz. Leitern dürfen nur verwendet werden, wenn der Höhenunterschied nicht mehr als 5 Meter beträgt. Und sie müssen stabil auf einer ebenen Fläche stehen - nicht auf dem Dachrand.
- Absperrung oder Überdeckung: Für Lichtkuppeln und andere schwache Stellen brauchen Sie eine echte Sicherung. Das kann eine feste Abdeckplatte sein, eine Umwehrung oder ein Sicherheitsgitter. Es muss halten, was draufkommt. Keine Holzdielen, keine Spanplatten. Die Mindesthöhe für eine Umwehrung: 1 Meter. Und sie muss mindestens 1 Meter seitlich über den gefährdeten Bereich hinausreichen.
- Beleuchtung: Wenn es dunkel ist, brauchen Sie mindestens 20 Lux an Verkehrswegen und 200 Lux am Arbeitsplatz. Keine Taschenlampe an der Stirn - das reicht nicht. Nutzen Sie eine stabile Arbeitsbeleuchtung.
Und vergessen Sie nicht: Nach der Arbeit räumen Sie alles auf. Prüfen Sie Ihre Ausrüstung auf Risse, Beschädigungen, abgenutzte Gurte. Und lassen Sie die Sicherungssysteme mindestens einmal jährlich von einer befähigten Person prüfen. Die Kosten dafür liegen zwischen 80 und 150 Euro - ein kleiner Preis für Sicherheit.
Warum persönliche Schutzausrüstung (PSA) nicht die Lösung ist
Viele denken: Ich nehme einfach einen Absturzsicherungsgurt. Fertig. Doch das ist gefährlich. Die sogenannte Persönliche Schutzausrüstung gegen Absturz (PSAgA) ist kein Ersatz für technische Sicherungen - sie ist die letzte Rettung. Die DGUV und die BGHM betonen: Nur wenn technische Lösungen wirklich nicht möglich sind, darf man auf PSA zurückgreifen. Und selbst dann: Sie brauchen eine fachkundige Einweisung, einen zweiten Menschen als Sicherung und eine RCD-Schutzeinrichtung bei elektrischen Geräten. Alleinarbeit mit PSA ist streng verboten. Und wenn Sie einen Sturz überleben, ist die medizinische Versorgung, die Reha, die Zeit ohne Arbeit - das kostet im Durchschnitt 14.200 Euro pro Unfall. Das ist kein "kleiner Zwischenfall" - das ist ein finanzieller und körperlicher Schock.Was passiert, wenn Sie es falsch machen
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: In 32,1 % aller Dachunfälle bei Privatpersonen war die Ursache mangelnde Dachdurchsturzsicherung. Das ist fast jeder dritte Unfall. Und das ist kein Zufall. Die meisten Betroffenen haben nicht gewusst, dass Lichtkuppeln nicht tragfähig sind. Oder sie dachten, ein paar Bretter reichen. Oder sie haben einfach keine Zeit für eine richtige Absicherung.Die Folgen? Nicht nur Verletzungen. Sondern auch Haftung. Wenn Ihr Nachbar bei Ihrer Dacharbeit verletzt wird, weil Sie keine Sicherung installiert haben, können Sie haftbar gemacht werden - auch wenn Sie nicht gewerblich tätig sind. Die Unfallkasse kann Sie zur Kasse bitten. Und die Versicherung kann die Leistungen kürzen, wenn nachgewiesen wird, dass Sie gegen gesetzliche Vorschriften verstoßen haben.
Was Sie jetzt tun können
Sie brauchen keine teure Profiausrüstung. Es gibt mittlerweile kostengünstige Einsteiger-Sets für Eigenleistungen - ab 199 Euro. Diese Sets sind nach ASR A2.1 geprüft, einfach zu montieren und halten, was sie versprechen. Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) hat eine kostenlose Hotline eingerichtet: 0800 009 009 00. Die ist seit Anfang 2024 rund um die Uhr erreichbar. Fragen Sie dort, was für Ihr Dach nötig ist. Holen Sie sich die neue Broschüre der BAuA "Sicherheit auf dem eigenen Dach" - sie ist kostenlos erhältlich.Und wenn Sie merken, dass es komplexer ist, als Sie dachten - dann rufen Sie einen Profi. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist klug. Ein Dach ist kein Spielplatz. Es ist ein Ort, an dem Leben und Gesundheit auf dem Spiel stehen. Und es ist kein Fehler, Hilfe anzunehmen. Es ist die vernünftigste Entscheidung, die Sie treffen können.
Die Zukunft: Mehr Regeln, mehr Sicherheit
Ab 2025 wird es noch strenger. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz plant eine verpflichtende Grundschulung für alle, die auf Dächern mit Absturzgefahr arbeiten wollen - egal ob privat oder gewerblich. Das ist keine Überregulierung. Das ist eine Antwort auf die steigenden Unfallzahlen. Jährlich kosten private Dachunfälle in Deutschland 42 Millionen Euro - und das nimmt jedes Jahr um fast 6 % zu. Diese Kosten tragen nicht nur die Betroffenen - sie tragen auch die Krankenversicherungen, die Sozialversicherungen, die Gesellschaft.Die gute Nachricht: Die Zahl der Unfälle sinkt. Dank besserer Aufklärung, dank einfacher, günstiger Lösungen, dank mehr Bewusstsein. Sie können Teil dieser Veränderung sein. Indem Sie sich informieren. Indem Sie sichern. Und indem Sie anderen sagen: "Das hier ist kein DIY-Projekt - das ist eine Lebensfrage."
Gilt das Arbeitsschutzgesetz auch für Eigenleistungen?
Ja. Jede Stätte, an der Arbeit ausgeführt wird - auch im privaten Haushalt - gilt als Arbeitsstätte. Wenn Sie selbst oder andere Personen auf dem Dach arbeiten, gelten die Vorschriften der Arbeitsstättenverordnung (ArbStättV) und der ASR A2.1. Das gilt auch, wenn Sie Nachbarn oder Familienmitglieder bitten, Ihnen zu helfen. Dann sind diese Personen rechtlich als Beschäftigte zu betrachten.
Reichen Bretter oder Holzplatten über Lichtkuppeln als Sicherung?
Nein. Bretter, Spanplatten oder improvisierte Abdeckungen halten nicht dem Gewicht eines Menschen stand. Sie erfüllen keine Normen und sind nicht prüfpflichtig. Die ASR A2.1 verlangt feste, stabile Überdeckungen oder Umwehrungen, die mindestens 1 Meter hoch sind und seitlich mindestens 1 Meter über den gefährdeten Bereich hinausreichen. Nur solche Systeme garantieren Sicherheit.
Darf ich eine normale Leiter zum Dach benutzen?
Nur unter strengen Bedingungen. Leitern dürfen nur verwendet werden, wenn der Höhenunterschied nicht mehr als 5 Meter beträgt. Sie müssen stabil auf einer ebenen Fläche stehen, nicht am Dachrand. Besser sind Steigleitern mit Rückenschutz, die fest verankert sind und eine sichere Aufstiegs- und Abstiegsbewegung ermöglichen. Eine einfache Holzleiter ist kein sicheres Werkzeug für Dacharbeiten.
Was ist mit Absturzsicherungsgurten? Sind die eine gute Lösung?
Absturzsicherungsgurte (PSAgA) sind nur die letzte Sicherheitsstufe - nicht die erste. Sie dürfen nur eingesetzt werden, wenn technische Lösungen wie Abdeckungen oder Umwehrungen tatsächlich nicht möglich sind. Und selbst dann: Sie brauchen eine fachliche Einweisung, eine zweite Person als Sicherung und eine RCD-Schutzeinrichtung bei elektrischen Geräten. Alleinarbeit mit PSA ist verboten. Der Einsatz von PSA allein ist kein Ersatz für eine sichere Dachdurchsturzsicherung.
Wie teuer ist eine professionelle Prüfung der Dachdurchsturzsicherung?
Die jährliche Prüfung einer Dachdurchsturzsicherung durch eine befähigte Person kostet zwischen 80 und 150 Euro. Das ist ein geringer Preis im Vergleich zu den durchschnittlichen Kosten eines Dachunfalls, die bei 14.200 Euro liegen. Außerdem ist die Prüfung gesetzlich vorgeschrieben - sie schützt nicht nur Ihre Gesundheit, sondern auch Ihre Haftung.
Gibt es kostenlose Hilfe für Privatpersonen?
Ja. Die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) betreibt seit Januar 2024 eine kostenlose Hotline: 0800 009 009 00. Dort erhalten Sie rund um die Uhr individuelle Beratung zu Dacharbeiten, Sicherungssystemen und rechtlichen Anforderungen. Außerdem bietet die Bundesanstalt für Arbeitsschutz (BAuA) die Broschüre "Sicherheit auf dem eigenen Dach" kostenlos an - sie ist speziell für Eigenleistungen konzipiert.
Kommentare
koen kastelein Januar 9, 2026 at 15:44
Ich hab letztes Jahr mein Dachfenster selbst ausgetauscht und dachte, ein Brett drüber reicht 🤦♂️
Nach dem zweiten Mal, dass ich fast durchgefallen bin, hab ich mir das HDS-System geholt. 200 Euro, aber ich lebe noch. Kein Stress mehr.
Julia SocialJulia Januar 10, 2026 at 21:27
Also ich find’s lächerlich, dass man fürs Dach reparieren jetzt einen Kurs machen muss. Ich hab doch nicht vor, Architekt zu werden.