Es ist ein weit verbreiteter Irrglaube: Wärmebrücken sind der unsichtbare Feind hinter Schimmelbildung, selbst wenn die Wand scheinbar perfekt gedämmt ist. Sie haben eine neue Dämmung einbauen lassen - doch der Schimmel bleibt. Warum? Weil die Dämmung zwar die Wärme hält, aber nicht die Feuchtigkeit kontrolliert. Und genau dort, wo die Wärme nicht gleichmäßig fließt, entsteht Kondenswasser. Und dort, wo Kondenswasser bleibt, wächst Schimmel.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Laut dem Jahresbericht der Deutschen Gesellschaft für Schadenfreie Bauweise (DGSB) aus 2023 sind 68,3 Prozent aller Schimmelfälle in sanierten Gebäuden auf unzureichend behobene Wärmebrücken zurückzuführen. Das bedeutet: Es ist nicht die Dämmung, die Schimmel verursacht. Es ist die falsche Ausführung. Und das lässt sich beheben.
Was genau sind Wärmebrücken?
Wärmebrücken sind Stellen in der Gebäudehülle, an denen Wärme schneller entweicht als in den umliegenden Bereichen. Sie entstehen, wenn Materialien mit unterschiedlicher Wärmeleitfähigkeit aufeinander treffen - etwa wo Wand auf Decke trifft, wo Fenster in die Außenwand eingebaut sind oder wo Rollladenkästen in die Mauer integriert sind. An diesen Stellen kühlt die Innenseite der Wand stärker ab als sonst. Und wenn die Oberflächentemperatur unter 12,6°C fällt, kondensiert die Luftfeuchtigkeit aus dem Raum. Das ist der Moment, in dem Schimmel seinen ersten Halt findet.
Die meisten Wärmebrücken sind nicht sichtbar. Sie verstecken sich hinter Tapeten, unter Möbeln oder in Ecken, die man nicht beachtet. Doch sie zeigen sich in Wärmebildern: als dunkle Linien oder Flecken, wo die Wärme entweicht. Die Technik ist einfach: Eine Wärmebildkamera zeigt, wo die Temperatur abfällt. Die professionellen Geräte wie die FLIR T860 kosten viel - aber viele Fachbetriebe bieten die Messung ab 250 Euro an. Es lohnt sich, denn ohne diese Diagnose bleibt das Problem ungelöst.
Warum funktioniert Innendämmung oft nicht?
Innendämmung ist beliebt - besonders in Mietshäusern oder Denkmälern, wo eine Außendämmung nicht erlaubt ist. Aber sie ist auch riskant. Warum? Weil sie die Wand nicht von außen umschließt. Die Wärmebrücken an den Anschlussstellen - an Decken, Fenstern, Ecken - bleiben ungedämmt. Die Wand selbst bleibt kalt. Und Feuchtigkeit sammelt sich hinter der Dämmung, oft unsichtbar, bis der Schimmel schon wächst.
Die Studie des Deutschen Instituts für Bautechnik (DIBt) aus 2023 zeigt: Innendämmung erhöht das Schimmelrisiko um 3,2-mal im Vergleich zu einer richtig gemachten Außendämmung. Besonders problematisch sind Materialien wie Polystyrol oder Rigipsplatten, die den Wasserdampf nicht durchlassen. Sie sperren die Feuchtigkeit ein - wie ein Plastikbeutel um eine kalte Flasche. Die Feuchtigkeit kann nicht entweichen. Sie bleibt. Und Schimmel wächst.
Wenn Sie Innendämmung verwenden müssen, dann nur mit diffusionsoffenen Materialien. Kalziumsilikatplatten etwa haben einen μ-Wert von 5 bis 10 - sie lassen Feuchtigkeit passieren. Polystyrol hat einen μ-Wert von 30 bis 100 - es blockiert. Und Aluminiumfolien? Mit einem μ-Wert über 1000 sind sie ein absolutes No-Go. Sie sind der perfekte Nährboden für Schimmel hinter der Dämmung.
Die beste Lösung: Außendämmung mit Durchgängigkeit
Die effektivste Methode, Wärmebrücken zu beseitigen, ist eine durchgehende Außendämmung. Sie umschließt das gesamte Gebäude wie ein Mantel. Keine Ecken, keine Kanten, keine Übergänge - alles ist gleichmäßig gedämmt. Die Wand bleibt warm. Die Oberflächentemperatur bleibt über 12,6°C. Die Luftfeuchtigkeit kondensiert nicht. Schimmel hat keine Chance.
Die Zahlen bestätigen es: Eine korrekt ausgeführte Außendämmung reduziert das Schimmelrisiko um 87 Prozent. Im Vergleich dazu bringt Innendämmung nur eine Reduktion von 63 Prozent. Und Kerndämmung bei Hohlmauerwerken - also das Füllen der Luftschicht in der Wand - senkt das Risiko um 72 Prozent. Das sind klare Unterschiede.
Die Dämmstärke spielt auch eine Rolle. Laut dem Bayerischen Landesamt für Umwelt brauchen Sie mindestens 16 cm Mineralwolle, 12 cm Polystyrol oder 10 cm Polyurethan-Hartschaum, um die kritische Temperatur zu halten. Aber es geht nicht nur um Dicke - es geht um Lücken. Eine Dämmung mit 1 cm Lücke an der Fensterlaibung kann mehr Schimmel verursachen als eine 20 cm dicke Dämmung mit kleinen Fehlern.
Die häufigsten Fehler - und wie Sie sie vermeiden
Die Ursachen für Schimmel nach Dämmung sind gut dokumentiert. Dr. Anke Herrmann vom DIBt hat 2023 die Hauptgründe analysiert:
- Zu dünne Dämmschicht (38,7 % der Fälle): Weniger als 12 cm bei Polystyrol oder 16 cm bei Mineralwolle reicht nicht aus.
- Lücken und unvollständige Dämmung (29,1 %): Besonders an Ecken, Anschlüssen, Rohrdurchführungen.
- Neue Fenster + alte Wände (17,3 %): Ein neues Fenster mit U-Wert 0,8 wird zur Wärmebrücke, wenn die Wand daneben nur U-Wert 1,2 hat. Die Temperaturunterschiede sind zu groß.
- Mangelndes Lüftungsverhalten (9,8 %): Wer nach der Dämmung nicht mehr lüftet, weil er denkt, die Luft sei jetzt „sauber“, vergrößert das Risiko. Luftfeuchtigkeit muss raus - sonst bleibt sie im Raum.
- Vorhandene Feuchtigkeitsschäden (5,1 %): Alte Wasserschäden, undichte Dächer, kaputte Rohre - die müssen vor der Dämmung beseitigt werden. Sonst wird der Schimmel nur versteckt, nicht eliminiert.
Ein typischer Fehler: Ein Hausbesitzer lässt neue Fenster einbauen - und denkt, das ist schon Sanierung. Doch wenn die Außenwand ungedämmt bleibt, entsteht eine Wärmebrücke, die 210 Prozent höheres Schimmelrisiko hat, wie Fallstudien von Kematherm zeigen. Die Lösung? Fenster und Fassade gleichzeitig sanieren. Dann sinkt das Risiko um 89 Prozent.
Wie wird eine Wärmebrücke wirklich behoben?
Die Sanierung ist kein Einmal-Event. Sie braucht Planung, Messung und fachgerechte Ausführung.
- Thermografie durchführen: Lassen Sie die Wände mit einer Wärmebildkamera scannen. Finden Sie alle kühlen Stellen - besonders an Ecken, Fensterlaibungen, Deckenanschlüssen.
- Material auswählen: Bei Außendämmung: Mineralwolle oder EPS mit geringem Ψ-Wert. Bei Innendämmung: Nur Kalziumsilikatplatten oder andere diffusionsoffene Materialien. Vermeiden Sie Polystyrol, Aluminium, Folien.
- Alle Anschlüsse dämmen: Nicht nur die Wand - auch die Übergänge zu Fenstern, Türen, Decken, Bodenplatten. Hier braucht es spezielle Dämmprofile oder Dichtungen.
- Feuchtigkeitsschäden entfernen: Alten Schimmel abtragen, betroffene Bauteile trocknen, ggf. ablassen. Dann erst dämmen.
- Lüftung anpassen: Heute braucht man keine ständige Fensterlüftung mehr. Eine kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung ist die beste Lösung - sie bringt frische Luft, ohne Wärme zu verlieren.
Die Kosten? Je nach Schweregrad zwischen 45 und 120 Euro pro Quadratmeter. Das klingt viel - aber im Vergleich zu Schimmelbeseitigung, Gesundheitsschäden und Reparaturen ist es eine Investition. Und: Die Bundesregierung fördert die Sanierung von Wärmebrücken über BAFA mit bis zu 20 Prozent Zuschuss - zusätzlich zu den Förderungen für die Dämmung selbst.
Was sagt die Zukunft?
Die Bauphysik entwickelt sich weiter. Seit April 2024 gilt die neue DIN 4108-2:2024-04. Sie senkt den maximal zulässigen Ψ-Wert von 0,15 auf 0,08 W/(m·K). Das bedeutet: Zukünftige Dämmungen müssen noch präziser sein. Keine Lücken mehr. Keine Kompromisse.
Auch die Materialien verbessern sich. BASF hat Neopor®-Graupolystyrol-Platten entwickelt, die 15 Prozent diffusionsoffener sind als herkömmliches EPS. Sie werden bereits in 12,7 Prozent der Neusanierungen eingesetzt. KI-gestützte Wärmebildanalysen erkennen Wärmebrücken 40 Prozent schneller. Die Digitalisierung macht die Diagnose präziser - und die Sanierung effizienter.
Die Prognose des Ifo-Instituts ist klar: Bis 2030 wird die Zahl der Schimmelprobleme um 65 Prozent sinken - vorausgesetzt, Fachkräfte werden besser ausgebildet, und die neuen Standards werden konsequent umgesetzt.
Es ist kein Mythos: Dämmung verursacht keinen Schimmel. Aber falsche Dämmung - mit Lücken, falschen Materialien und unberücksichtigten Wärmebrücken - schon. Die Lösung ist einfach: Planen Sie ganzheitlich. Messen Sie vorher. Sanieren Sie richtig. Und dann atmen Sie wieder durch - ohne Angst vor Schimmel.
Kommentare
Kevin Hargaden Januar 22, 2026 at 04:10
Ich hab letztes Jahr nach der Dämmung meinen ganzen Wohnzimmerboden abgerissen, weil der Schimmel unter dem Teppich wie ein Pilzfeld gewachsen ist 🤮. Dämmung ist doch nur ein Marketing-Gag, wenn die Handwerker nicht mal die Ecken abdichten. Ich hab jetzt 3000 Euro verbrannt und einen neuen Schimmel-Kalender hängen. 😭